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24.08.2015

Syrien und Vanillesirup #bloggerfuerfluechtlinge

Ein Freund auf facebook postete gestern ein Video über eine Dokumentation aus Syrien, die am Abend im Fernsehen laufen soll. Heute sehe ich sie mir nochmal an und denke „Oh man, das ist einfach nur so heftig.“ Ich sehe dort Teenager, die auf ein winziges Baby aufpassen (müssen?), das irgendwie liebevoll eingewickelt wurde. Währenddessen tritt mein eigenes Baby von innen gegen meinen Bauch. „So krass.“ denke ich.

Dann stehe ich auf, gehe zur Kaffeemaschine um mir dort einen Latte Macchiato zu ziehen. Anschließend schreibe ich „Vanillesirup“ auf den Einkaufszettel, ich musste nämlich heute mit Kokossirup vorlieb nehmen, weil Vanille auf ist. Dann denke ich kurz nach und hole meinen Laptop aus meinem gemütlichen Arbeitszimmer und setze mich aufs Sofa um diesen Beitrag zu schreiben. Mist – ganz schön süß geworden, der Latte Macchiato.

Ist das nicht eigentlich fürchterlich heuchlerisch? Hier zu sitzen, mit meinem Kaffee und mich darüber aufzuregen, dass die Dachdecker die unsere Mietshaus renovieren schon wieder so laut sind und gleichzeitig die Dinge, die dort in Syrien passieren unglaublich furchtbar zu finden? Im Prinzip muss ich leider sagen: Ja, das ist es. Aber sowas von!

Wir sitzen hier in unserem hübschen, recht sicheren Land. Meine Generation kennt Krieg nur aus langweiligen Geschichtunterrichtsstunden. Und die derzeitigen Kriesengebiete sind ja eigentlich auch ganz schön weit weg und so. Aber schon schlimm, was dort passiert. Ja, wirklich. (Dazu bitte bekräftigend kopfschütteln.) Aber wenn dann jetzt die Flüchtlinge nach Deutschland kommen, kümmert sich ja bestimmt jemand um sie. Ist dann ja alles gut. (So oder so ähnlich hört es sich zumindest bei wohlgesonnenen Menschen an. Über den Rest möchte ich einfach nicht reden.) Achso, ich? Ja. Hm. Ich. Hab auch ganz schön viele Termine und so… stressiges Leben. Und ich weiß ja auch gar nicht was ich tun kann.

Gestern oder heute las ich (ebenfalls auf facebook) diesen Artikel. Es ging da um eine Aktion für Flüchtlinge aus Hamburg und vor allem um’s „Einfach machen!“ – denn irgendwas machen kann jeder. Und sei es nur alte Klamotten zu sortieren und zu einer Sammelstelle zu bringen oder etwas zu spenden, das geht nämlich sogar vom heimischen Sofa aus.

Wir gehen mit einer Gruppe meiner Gemeinde alle zwei Wochen sonntags zu einem Flüchtlingsheim bei uns in der Stadt. Wir bringen Kuchen und Getränke mit und setzen uns dort hin um mit den Flüchtlingen Kaffee zu trinken, Kuchen zu essen und ein bisschen ins Gespräch zu kommen. Manche Gespräche sind schwierig, teilweise können die Menschen dort nur sehr wenig bis gar kein Deutsch oder Englisch. Doch Essen und Trinken tun sie alle. Unser Kuchen wird immer gut angenommen, jeder ist dankbar für eine Tasse Kaffee. Es ist ein bisschen Abwechslung in ihrem tristen Alltag im Heim, manche warten regelrecht darauf, dass wir wiederkommen. Und jedes Mal wenn wir gehen fragen sie, wann das nächste Mal ist. Und sie bedanken sich dafür, dass wir da waren. Weil sie froh sind, hier zu sein und ein bisschen Kontakt zu bekommen. Und genau darum geht es eigentlich auch:

Syrien liegt knapp 4000 Kilometer von hier entfernt. Wir waren letztens in Frankreich mit dem Auto. Etwa 20 Stunden waren wir unterwegs, 1300 km. Und wir waren so fertig, dass wir anschließend nochmal eine Woche Erholung brauchten. Und wir sind nicht gelaufen und auch nicht unter irgendeiner Plane in der sengenden Sonne unterwegs gewesen, sondern hübsch im klimatisierten Auto gefahren! Und trotzdem brauche ich nicht vor Scham darüber im Boden zu versinken. Ich bin unglaublich froh und dankbar über mein Leben – es ist ein wunderbares Geschenk. Aber ich kann nichts dafür, hier geboren zu sein. Was den Menschen mit denen wir Sonntags im Flüchtlingsheim reden passiert ist, darf ich gar nicht so genau an mich ran lassen. Weil es viel zu schrecklich ist. Und es bringt weder mir noch den Flüchtlingen hier etwas, wenn ich vor lauter Trauer den Kopf in den Sand stecke.

Das wichtigste ist doch, etwas zu tun, oder? Einfach was machen! Und genau das tue ich. Ich möchte die Flüchtlinge in meinem Land willkommen heißen und ihnen das Gefühl geben, angekommen zu sein. Und gleichzeitig kann ich froh und dankbar sein, schon immer hier zu leben. Das geht – beides! Ohne schlechtes Gewissen. Mit diesem Glück im Herzen kann ich viel besser auf die Menschen die hier stranden zu gehen und sie begleiten.

Es ist furchtbar, was dort in den Ländern passiert. Aber dagegen kann ich von hier aus nichts tun. Ich kann nur hier an meinem Wohnort etwas tun. Und das ist eigentlich ziemlich einfach…

#bloggerfuerfluechtlinge #refugeeswelcome #1000malwillkommen


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